(Kolumne im «Tages-Anzeiger», 15.01.2013)

Es ist eine rüde Bezeichnung, und trotzdem ist sie in aller Munde. Der Begriff «Abzocker» ist salonfähig geworden. So salonfähig, dass sich selbst der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse in seinem Kampf gegen Thomas Minders Initiative den Begriff zu eigen gemacht hat.

Nicht die «Minder-Initiative» sei das probate Mittel, der indirekte Gegenvorschlag des Parlaments sei viel schneller wirksam gegen Abzocker, macht uns ausgerechnet der Wirtschaftsverband in einer millionenteuren Kampagne weiss. Der lange Marsch von den Stammtischen und 1.-Mai-Umzügen in den aktiven Wortschatz des wirtschaftlichen Establishments ist abgeschlossen.

Auch wenn über die Massnahmen gestritten wird – von links bis rechts herrscht Einigkeit über die Unverschämtheit der Glücksritter und Boni-Jäger, insbesondere in der Finanzindustrie. Dass einige derart viel mehr verdienen als andere, wird mittlerweile weitherum als Frevel angesehen, der mit Unterschieden in der Leistung schlicht nicht erklärt werden kann.

Dabei sind wir alle im Grunde genommen Abzocker. 1,4 Milliarden Menschen müssen ihr Leben mit weniger als 1.25 Dollar pro Tag bestreiten, von uns Schweizern kassieren jedoch die meisten gut und gerne hundert- bis zweihundertmal so viel. Und das ohne Gewissensbisse. Von unten sehen soziale Diskrepanzen eben grösser aus als von oben.

Moralische Entrüstung

Natürlich sind unsere Lebenshaltungskosten höher als etwa jene in Indien, dafür kriegen wir häufig deutlich mehr Qualität fürs gleiche Geld – sei es beim Wohnen, Essen oder in der Medizin. Es ist nicht nur das hundertfache Einkommen, das uns von den Ärmsten der Welt unterscheidet, sondern ebenso die Möglichkeit, auf eine über Jahrzehnte aufgebaute und finanzierte öffentliche Infrastruktur zuzugreifen, von der die Menschen in den meisten Weltgegenden nur träumen können.

Wie kommt es, dass wir uns über die sogenannten Abzocker moralisch entrüsten, die hundertmal mehr verdienen, während wir arglos in Kleidern herumlaufen, die von Näherinnen aus Bangladesh gefertigt wurden, die nicht einmal einen Hundertstel unseres Lohns erhalten? Dies, obwohl wir eigentlich wissen, dass der Unterschied nach unten für die Lebensqualität viel einschneidender ist als jener nach oben. Wie können wir so sicher sein, dass die Entgelte der Topmanager niemals durch Leistung und Produktivität gerechtfertigt sind, unsere eigenen Löhne aber schon?

Welten prallen aufeinander

Es ist die Geografie, die den Unterschied macht. Die Ärmsten der Armen leben weit weg, die Manager mit ihren Boni jedoch hier. Soziale Ungleichheit hat schon immer dann am meisten für Unmut gesorgt, wenn sie auf engem Raum besteht. So beargwöhnte ich auf einer Afrikareise unlängst die Angehörigen der örtlichen Oberschicht, die sich in dicken Autos und teuren Klamotten, nur wenige Hundert Meter von den Armenvierteln entfernt, vor einem edlen Restaurant einfanden. Wie können Wohlstand und Armut bloss so krass aufeinanderprallen? Schämen die sich nicht für ihren Überfluss neben all der Armut?, dachte ich während des Mittagessens in ebendiesem Restaurant, dessen Preise ich mir locker leisten konnte. Ich selber schämte mich ein bisschen, doch schon kurz nach der Rückreise waren mir wieder unser Wohlstand und die Sorgen unseres gebeutelten Mittelstands Referenz.

Die Geografie schützt uns gut vom sozialen Gefälle nach unten, und die Wirtschaftsflüchtlinge, die zu uns drängen, lassen sich zumindest kriminalisieren. Die Geografie schützt uns aber längst nicht mehr von der sozialen Kluft nach oben. Die neue, globale Wirtschaftselite, die sich dank weltumspannender Märkte und entsprechender Erträge finanziell in ganz anderen Sphären bewegt als jedes noch so produktive kleine oder mittlere Unternehmen, kennt keine Grenzen und sorgt dort, wo sie sich niederlässt, für eklatante Einkommensunterschiede. Dagegen anzukämpfen, ist politisch legitim. Bevor wir das nächste Mal mit dem Finger auf andere zeigen, sollten wir uns allerdings bewusst sein: Abzocker sind wir alle.