(Kolumne im «Tages-Anzeiger», 11.12.2012)

«Qualität statt Quantität» war der Tenor unter den Kommunalpolitikern aus der Region Bern-Mittelland nach meinem Referat zur Wachstumsschwäche der Hauptstadtregion. Einig waren wir uns nur bezüglich «Quantität». In keiner der 30 grossen und mittelgrossen Agglomerationen der Schweiz ist die Bevölkerung in den letzten drei Jahrzehnten weniger gewachsen als im Ballungsgebiet der Bundeshauptstadt.

Ganz anders präsentiert sich die Lage bloss 20 Zugminuten von Bern entfernt in Freiburg. Dort, wo die Zähringer ebenfalls die Gunst einer, wenn auch etwas weniger prächtigen, Flussschlaufe zur Stadtgründung nutzten, liegt heute eine der dynamischsten Agglomerationen der Schweiz.

Im Ballungsraum Bern ist die Bevölkerung seit 1980 um vier Prozent gewachsen, hier nahm sie um fast vierzig Prozent zu. Es ist dieses Ungleichgewicht, das den Siedlungsraum Bern-Freiburg zur wohl grössten raumplanerischen Fehlentwicklung des Landes macht.

Überindustrialisierung?

Auf der einen Seite dieser Fehlentwicklung steht das von den Bernern lange als rückständig belächelte Freiburg, das mit aller Gewalt seinen einstigen Rückstand aufzuholen trachtet. Mit schier unerschöpflichen Baulandreserven lockt der zweisprachige Kanton Menschen mit Einfamilienhaussehnsucht aus dem überquellenden Bassin Lémanique an – in grosser Zahl kommen die Zuzüger allerdings auch aus der keineswegs aus allen Nähten platzenden Region Bern.

Freiburg ist zwar nicht gerade als Steuerparadies bekannt, eine Familie aus dem Kanton Bern kann hier jedoch gut und gerne 20 Prozent sparen. Dies ist aber nicht der einzige und womöglich nicht einmal der wichtigste Grund für den Siedlungsdruck aus Bern: Verblüffenderweise herrscht in der Hauptstadtregion trotz Flaute Baulandknappheit. In den Gemeinden rund um Bern werden Vorlagen zur Einzonung und zur Baulandentwicklung reihenweise abgelehnt. Weil die Berner einst die Industrialisierung verpassten, fehlen heute auch die Industriebrachen, die eine innere Verdichtung ähnlich wie in Zürich ermöglichten.

Wie Stefan von Bergen und Jürg Steiner in ihrem Buch «Wie viel Bern braucht die Schweiz» aufgezeigt haben, hat die Berner Wachstumsskepsis Wurzeln, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Die führenden Patrizierfamilien im Grossen Rat hatten sich damals selber einem Unternehmensverbot unterworfen. Später geisselte Ruedi Minger die «zersetzende Überindustrialisierung» und verhalf so seiner bernischen Bauern- und Bürgerpartei (aus der die SVP hervorging) zur Vormachstellung im Kanton. Heute sind in Bern grüne Parteien aller Schattierungen so erfolgreich wie nirgendwo sonst im Land.

Fatalerweise hat die Berner Wachstumsskepsis alles andere als positive ökologische Folgen. Pro Arbeitsplatz, der in der Region Bern in den letzten Jahren geschaffen wurde, kam bloss ein halber Einwohner in der Region neu hinzu. In keinem anderen Ballungsgebiet besteht ein grösseres Missverhältnis zwischen Arbeitsplatz- und Bevölkerungsentwicklung. Die Folgen sind klar: lange Pendelwege und ein Siedlungsbrei, der sich zwar nicht in Bern, dafür in Freiburg ausbreitet – und dort, dank Baulandüberfluss, längst nicht nur an den Knoten des öffentlichen Verkehrs.

Bern mit seinem Minimalwachstum lebt im Kleinen aus, was die Ecopop-Initiative für die Schweiz als Ganzes will und ist dabei in derselben Nicht-im-eigenen-Garten-Mentalität gefangen. «Qualität statt Quantität» war die Losung der Berner Kommunalpolitiker nach meinem Referat in Berns Vorort Gümligen. Doch so einfach wie in dieser Gegenüberstellung ist es im richtigen Leben selten. Das «Wisli» bleibt zwar grün, die Pendler kommen aber trotzdem und belasten das Verkehrsnetz. Und zahlen ihre Steuern im Nachbarkanton. Die Folge: Den Bernern fehlt das Geld.

Zumindest gaben mir die traurig-verwitterten Achtziger-Jahre-Fassaden, die den Strassenrand auf meinem Heimweg durch die Hauptstadtregion säumten, nicht den Eindruck, dass «Qualität» und «Quantität» zwingende Alternativen sind.