(Interview in «Der Landbote», 12.11.2012), Interview: Jann Lienhart

Wenn ein Journalist die Übersicht verliert, ruft er Michael Hermann an. Der Politgeograf aus Zürich ist in den letzten Jahren zum meistgefragten Politologen der Schweiz aufgestiegen. Das Reden mit den Medien sieht er dabei als eine seiner wichtigsten Aufgaben an.

Sie haben im Internet auf einen Sieg von Barack Obama gewettet. Wie viel reicher sind Sie jetzt?
Michael Hermann: Ich habe 4000 Dollar eingesetzt und gewann mit Obama 2000 Dollar.

Eine saftige Rendite. War­um waren Sie sich so sicher, dass Obama gewinnt?
Im Gegensatz zur Schweiz sind Umfragen in den USA sehr aussagekräftig. Es gibt nicht bloss zwei, drei, sondern Tausende davon. Einzelne mögen danebenliegen, ihr Mittelwert ist aber untrügerisch. Seriöse statistische Modelle gingen von einer Gewinnwahrscheinlichkeit von über 90 Prozent für Obama aus. Seine Quote in der Wahlbörse lag dagegen bei bloss 66 Prozent. Bis zuletzt in der Wahlnacht, als eigentlich alles längst klar war, haben viele Romney-Anhänger die statistischen Realitäten ausgeblendet und Obamas Quote tief gehalten. Das habe ich ausgenützt.

Eiskalte Spekulation also, die Ihnen aber sicher nicht schwergefallen ist. Sie sind nämlich bekennender Obama-Fan und sind dar­um einmal extra nach Berlin gereist, um ihn zu sehen. Mit Erfolg sogar: Sie konnten ihm die Hand schütteln. Was fasziniert Sie an Obama?
Es sind nicht einmal so sehr die grossen Reden. Mich faszinierte, dass plötzlich ein amerikanischer Politiker die Gefahren der Welt ähnlich einschätzt wie wir Europäer. Ich schätze, dass er es wagt, sich selbst in Frage zu stellen. Nach der ersten Fernsehdebatte hat er zum Beispiel öffentlich eingestanden, sich vertan zu haben. Das ist im Politbetrieb aussergewöhnlich. Gerade amerikanische Politiker sind häufig überkandidelt und leben in ihrer eigenen Wildwestrealität. Obama ist überhaupt nicht so.

 

mh landbote

Bild: Landbote / Peter Würmli

 

Diese Faszination für Obama: Heisst das eigentlich auch, Sie wären lieber in den grossen USA als in der kleinen Schweiz tätig?
Nein, überhaupt nicht. Die Schweiz mit ihrer politischen Vielfalt ist intellektuell eine grosse Herausforderung für einen Politologen. Es ist viel schwieriger, in einer solchen Vielfalt Strukturen zu erkennen, als in der amerikanischen Politik, in der es ja eigentlich nur zwei Positionen gibt.

Sie bezeichnen sich als Politologen. Studiert haben Sie jedoch Geografie. Sind Sie jetzt Geograf oder Politologe?
Beides. Ich mache heute Parlamentsanalysen, die rein politologisch sind. Daneben erstelle ich immer noch geografische Analysen, zum Beispiel zu Migrationsfragen oder zur Stadtentwicklung. Für mich sind diese geografischen Wurzeln sehr wichtig. Ich habe es gern anschaulich. Der Bezug zum Konkreten, zum Sichtbaren, zum Raum kommt mir auch entgegen, weil ich ab­strakte Gedankenwolken nicht mag.

Erklärt dieser Hang zum Visuellen auch, war­um Sie heute in der Schweiz der Politologe mit der grössten Deutungsmacht sind?
Wahrscheinlich. Die Politikwissenschaft hat sich in den letzten Jahren stark den Wirtschaftswissenschaften angenähert, mit rigiden Modellen und mathematischen Analysen. Sie zahlt dafür den Preis, dass sie häufig weit weg von der gelebten politischen Praxis ist. Viele Modelle wurden in den USA entwickelt und passen nur bedingt auf unsere Verhältnisse. Die Alltagsexperten, die Politiker und Journalisten, haben oft ein besseres Verständnis für Schweizer Politik als akademische Politologen. Ich versuche hier Brücken zu bauen.

Machen Sie, um diese Brücken bauen zu können und verständlich zu bleiben, wissenschaftliche Kompromisse?
Nein, ganz und gar nicht. Meine Visualisierungen beruhen auf einer sorgfältig entwickelten Methodik. Das heisst aber nicht, dass sie die einzig mögliche ­objektive Wirklichkeit abbilden. Da steckt auch eine Problematik in diesen Grafiken. Wenn etwas visuell ist, verlieren viele ihren kritischen Blick, weil man es ja sieht. Doch auch wissenschaftliche Analysen beruhen auf subjektiven Annahmen …

… und sind dar­um manipulierbar. Wie manipulieren Sie?
Mir ist es ein Anliegen, dies nicht zu tun. Aber selbstverständlich verfolge ich mit diesen Darstellungen eine Absicht. Mein erstes Ziel war, aufzuzeigen, dass Politik nicht eindimensional ist. In den Neunzigerjahren gab es eigentlich nur zwei Deutungsmuster. Die einen fanden, es gebe kein Links-Rechts mehr, die anderen, es gebe nur Links-Rechts. Das hat sich seither auch dank diesen Visualisierungen massiv verbessert. Heute gibt es das Bewusstsein, dass es zum Beispiel einen Unterschied zwischen gesellschaftlich und wirtschaftlich Liberalen gibt.

Sie verstehen sich demnach als Geometer der politischen Schweiz.
Ich verstehe mich vor allem als Vermittler. Als Vermittler zwischen Wissenschaft und Gesellschaft und als Vermittler innerhalb der Gesellschaft. Mir ist es wichtig, den Linken aufzuzeigen, dass die Rechten keine Monster sind, und den Rechten, dass die Linken nicht alle Vaterlandsverräter sind. Gegen dieses Schemadenken trete ich an. Es gibt ja eine Tendenz, dass sich alle nur noch in ihrem eigenen Milieu bewegen und die anderen nur noch als Karikaturen wahrnehmen.

Sind Sie auch dar­um für Journalisten fast immer erreichbar?
Ja, ich finde diese Kommunikation mit der Gesellschaft wichtig. Sonst hätte ich ja Chemiker werden können, der im stillen Kämmerchen vor sich hin experimentiert. Meiner Meinung nach wird unser politisches System besser, wenn Missverständnisse ausgeräumt werden und der Respekt vor den Andersdenkenden steigt. Das ist mir wichtiger als die Frage, ob jetzt die Linken oder die Rechten gewinnen.

Tatsächlich? Das tönt, wie wenn Sie politisch gar keine Vorlieben hätten.
Joachim Gauck hat einmal gesagt, er sei links-liberal-konservativ. So sehe ich mich eigentlich auch. Ich bin links, weil ich finde, dass sich eine Gesellschaft daran messen soll, wie sie mit den Ärmsten und Schwächsten umgeht, liberal, weil ich Leistung, Flexibilität und Eigenverantwortung bewundere, und konservativ, weil ich gewachsene Strukturen schätze und überzeugt bin, dass in Volksentscheiden viel Weisheit steckt, die hilft, die Eliten am Boden zu halten. Insofern habe ich Berührungspunkte mit allen drei politischen Hauptlagern der Schweiz.

Erklärt das auch, war­um Sie es anscheinend mit allen können?
Vielleicht. Aber es gibt da auch eine starke Familienprägung. Meine Eltern, die eine Drogerie in Huttwil im Emmental geführt haben, kannten keine Berührungsängste, aber auch keinen Dünkel. Bei uns galt, dass man alle Leute genau gleich respektiert, egal, was sie machen. Damit bin ich in einer Art klassenfreiem Umfeld aufgewachsen. Klar rieb ich mich damals an den Dorfbünzlis. Später habe ich jedoch erfahren, dass Engstirnigkeit nicht auf das Land und auf die Rechte beschränkt ist.

Und jetzt sind Sie selbst engstirnig geworden? Vor Kurzem haben Sie sich selbst als Bünzli bezeichnet.
Als urbanen Bünzli. In der Stadt Zürich gibt es ja die Szenegänger, die meinen, dass sie etwas viel Besseres sind als die Normalbürger. Wenn man genau hinschaut, unterscheiden sich ihre Leben aber kaum von denjenigen, die sie als Bünzli bezeichnen. Das gilt auch für mein Leben. Erst recht, da ich mir in der Stadt Zürich vor Kurzem eine Eigentumswohnung gekauft habe. Deshalb habe ich mich als urbanen Bünzli bezeichnet – Bünzli oder nicht, ist mir aber eigentlich egal.

Das klingt nicht gerade wie eine Liebeserklärung an Ihren Wohnort.
Das hat nur bedingt mit der Stadt zu tun. Mir gehen allgemein Klugscheisser, Möchtegerns und aufgeblasene Leute auf die Nerven. In Zürich gibt es vielleicht einfach ein bisschen mehr davon.

Zurück zur Politik. Die Schweizer Politik wird vom Mittelmass dominiert. Langweilt Sie das als professioneller Politbeobachter nicht?
Nein. In der Politik ist Mittelmass, ein gewisses Einmitten von grossem Vorteil. Denn die grossen Würfe funktionieren häufig nicht. Das zeigt sich auch im Grossen. Die grossen politischen Ideologien und Denkrichtungen haben sich immer mehr angenähert. Auch hier findet eine Einmittung statt, und das ist gut so.

Damit erübrigt sich aber irgendwann die Politik. Und mit ihr die Politologen.
Im Sinne der grossen politischen Systemdebatte ist das tatsächlich so. Zumindest in den Demokratien ist die grosse Debatte, welche politische Ideologie die beste ist, längst geführt. Seit Jahrzehnten geht es nur noch um Feinjustierungen, was ich positiv finde. Es ist nämlich das Zeichen dafür, dass die Weisheit des politischen Systems schon ziemlich gross ist. Meiner Meinung nach gehören politische Experimente der Vergangenheit an.

Und im Privaten? Lehnen Sie da Experimente auch ab?
Im Gegenteil. Auf persönlicher Ebene finde ich Leute, die «Pfupf» haben, die sich etwas zutrauen, gut. Es ist schade, wenn jemand nur rote Linien sieht, die er sich nicht zu überschreiten getraut. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Bekannte eher meinen Rat suchen, wenn sie ihre Beziehung beenden oder den Job wechseln wollen, als wenn sie eigentlich keine Änderung wünschen.

Sich selbst trauen Sie offenbar auch einiges zu. Als Sie Obama trafen, sollen Sie ihm einen Ratschlag gegeben haben.
Na ja … Ich habe ihm geraten, bei seiner Kam­pa­gne nach Alaska zu reisen – weil das ein starkes Zeichen gewesen wäre. Weil die Republikaner allerdings kurz danach Sarah Palin aus Alaska zur Vizepräsidentschaftskandidatin kürten, war mein Vorschlag obsolet. Aber immerhin, mutig wäre es gewesen.

 

Zur Person
Michael Hermann (*1971) ist in Huttwil, im bernischen Emmental aufgewachsen. Er studierte Geografie, Volkswirtschaft und Geschichte an der Universität Zürich. Zuerst als Angestellter des sozialgeografischen Instituts der Universität Zürich und danach selbstständig mit seinem eigenen Forschungsinstitut Sotomo entwickelte Hermann zusammen mit Heiri Leuthold mehrere Methoden der grafischen Darstellung der Politik. So stellten Hermann und Leuthold politische Positionen auf Karten mit den Achsen links–rechts und konservativ–fortschrittlich dar. Ebenfalls sind sie die Erfinder der sogenannten Spinnengrafiken, mit denen sich die Ausrichtung von Politikern zweidimensional visualisieren lassen. Mit ihrer Publikation «Atlas der politischen Landschaften, ein weltanschauliches Porträt der Schweiz» und dem Aufzeigen, dass es auch in der Politik einen «Röstigraben» gibt, machten sie 2003 Furore. In der jüngsten Buchpublikation («Konkordanz in der Krise», Verlag «Neue Zürcher Zeitung») macht Hermann Reformvorschläge zur Weiterentwicklung des schweizerischen Politsystems der Konkordanz. Hermann lebt heute in Zürich. (jl)

 

Eine saftige Rendite. War­um waren Sie sich so sicher, dass Obama gewinnt?
Im Gegensatz zur Schweiz sind Umfragen in den USA sehr aussagekräftig. Es gibt nicht bloss zwei, drei, sondern Tausende davon. Einzelne mögen danebenliegen, ihr Mittelwert ist aber untrügerisch. Seriöse statistische Modelle gingen von einer Gewinnwahrscheinlichkeit von über 90 Prozent für Obama aus. Seine Quote in der Wahlbörse lag dagegen bei bloss 66 Prozent. Bis zuletzt in der Wahlnacht, als eigentlich alles längst klar war, haben viele Romney-Anhänger die statistischen Realitäten ausgeblendet und Obamas Quote tief gehalten. Das habe ich ausgenützt.

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